Von Kofferbomben und gefährlichen Opern
Das BKA stellt fest, dass die Verdächtigen im Kofferbombenfall keinen nachweislichen Kontakt zu irgendwelchen islamistischen Organisationen (weder Hisbollah, noch Al Qaida noch Al-Tahir) hatten. Manch einer amüsiert sich sogar über den Dilletantismus der "Bombenbauer".
Dann präsentiert man aber plötzlich stolz das "Geständnis" des einen Verdächtigen, der im Libanon einsitzt, er habe den Koffer im Zug abgestellt. Gleichzeitig wird bekannt, dass die Verdächtigen nicht als Schläfer eingestuft werden, sondern einfach nur spontan "über das Internet radikalisiert" wurden. Zusammenhänge werden aufgebaut zum Karikaturenstreit, zum Israel-Libanon-Krieg oder zum Tod von al-Sarkawi, was die Männer erbost haben könnte. Schließlich werden Haftbefehle aber wieder aufgehoben.
Die ganze Sache selbst ist also mehr oder minder eine Farce. Dennoch überaus nützlich, um die Anti-Terror-Datei, schärfere Visa-Kontrollen sowie Videoüberwachung zu pushen, um künftig "Terrorzellen" wie diese besser überwachen zu können. Anderen Politikthemen bemächtigen sich des Themas: Hartz IV-Empfänger als Sicherheitsmarschalls, Internetkontrolle (damit sich keiner unbrauchbare Bombenbauanleitungen aus dem Web zieht) - die fast schon üblichen Reflexe.
SPD-Wiefelspütz sieht in den gescheiterten Anschlägen eine "neue Dimension" des islamischen Terrorismus. Stimmt, nur in entgegengesetzter Richtung: Derlei Ereignisse sind eher Indizien für den Zerfall des islamischen Fundamentalismus, sowohl vor Ort im Irak oder in Afghanistan als auch hierzulande, wo immer deutlicher wird, dass Al Qaida ein bloßes Symbol ist, ein Abzeichen, mit dem man sich schmückt, um mit seinem Hass auf was auch immer wahrgenommen zu werden.
Doch in der paranoiden westlichen Wahrnehmung dreht sich der Spieß um: Die Tatsache, dass mittlerweile schon Bombenleger auf den Plan treten, die gar keine Bomben bauen können und auch scheinbar gar nicht wollen, dass sie hochgehen, wird als wachsende Bedrohung gewertet. Da ist dann auch völlig unwichtig, ob man irgendwelche Beweise über Motive, Zusammenhänge hat oder nicht.
Interessant ist, dass einerseits darauf bestanden wird, dass die "Täter" keine "home-grown-terrorists" sind, andererseits wird dennoch häufiger diskutiert, dass Moslems hierzulande in abgeschotteten und nicht-integrierten Ghettos radikalisiert werden. Schuld hieran seien jedoch die abgeschotteten nicht-integrierten Ghettos selbst, die unsere ach so integrationswillige und aufnahmebereite Gesellschaft bedrohten. Dieses tautologische Argument wird zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Islamischer Fundamentalismus wird öffentlich als DER Ausdruck sozialer Frustration nicht integrierbarer Einwanderer aufgeblasen, was die Sache zusätzlich attraktiv macht. Tatsächlich ist es symptomatisch für die verarmte soziale und politische Landschaft hierzulande, dass selbst bislang nicht radikalisierten oder politisierten Muslime nihillistisches Bombenlegen als einzige Alternative erscheint.
Als weiteres Beispiel dafür, dass wir mittlerweile wirklich in Paranoialand leben, muss man wohl die heuchlerische Debatte über die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeno" nennen. Unglaublich, wie sich die Politik über die - zugegebenermaßen absurde - Entscheidung von Kristen Harms, der Intendantin der Deutschen Oper Berlin erzürnt, obwohl die Dame letztlich nichts anderes macht, als die Logik der Angstpolitik eins zu eins auf die Kultur zu übertragen. Da nutzt es auch nix, wenn sie Schäuble "deutsche Muslime" wünscht...
Mehr dazu in meinem Artikel "Neues aus Paranoialand" in (Novo85, Mai 2005)