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Matthias Heitmann  Klartext

Zurück in die gleichgeschalteten Funkhäuser

Ist der UEFA-Cup eigentlich ein Nationenwettstreit oder ein Vereinswettbewerb?


Das Jammern und Wehklagen geht wieder los! Schalke und Hertha in der ersten Runde ausgeschieden, lediglich Leverkusen und Frankfurt ziehen in die Gruppenphase ein.

Viel unangenehmer als das Abschneiden einiger deutscher Vereine im europäischen Wettbewerb ist aber die Tatsache, dass Vereinswettbewerbe heute nicht mehr als solche, sondern nur noch als Nationenwettbewerb gesehen und auch entsprechend kommentiert werden. Wer – wie ich – sich am Mittwochabend aus reiner Vereinssympathie die „Konferenzschaltung“ der Spiele Nancy vs. Schalke und Bröndby vs. Frankfurt ansah, konnte eigentlich nur zwischen Verwunderung (bei Schalkefans) und blanker Wut (bei Eintrachtfans) wählen.

Zur Erläuterung: Frankfurt war bereits vor dem Spiel so gut wie durch, Schalke hätte ein Unentschieden gereicht. Nach dem Spielverlauf in Bröndby war schnell klar, dass die Eintracht weiterkommen würde, spannend blieb es hingegen in Nancy, wo Schalke die große Chance verpasste. Dass man hier in den Schlussminuten des Spiels einen Schwerpunkt auf Schalke setzen würde, wäre verständlich.

Wie aber kann das DSF das, was gestern geboten wurde, noch ernsthaft als „Konferenzschaltung“ bezeichnen? Die zweite Halbzeit der parallel laufenden Spiele wurde fast vollständig aus Nancy übertragen. Und selbst wenn sich der unsägliche Kommentator Thomas „Ich-gebe-ab-nach- Fronkreisch“ Hermann mal zwischendurch aus Bröndby meldete, tat er dies, wie er selbst sagte, „mit schlechtem Gewissen“, denn das Spiel in Nancy sei doch viel spannender und viel wichtiger für den deutschen Fußball.

Spielen im UEFA-Cup Vereine oder Nationalmannschaften? Was wie eine lästige und herabwürdigende Gewinnspielfrage klingt, wissen scheinbar deutsche TV-Sportredaktionen nicht richtig zu beantworten. Offensichtlich ist hier die WM-nationale Brille derart festgewachsen, dass nur noch Deutschland zählt. So sehr zumindest, dass Bröndby-Reporter Herrmann sich offensichtlich gar nicht mehr die Mühe gemacht hatte, sich über die Mannschaften zu informieren, deren Spiel er zu kommentieren hatte. Weder war er in der Lage, die Namen der Frankfurter Spieler korrekt auszusprechen („Amatidis“, „Vaschoschki“), noch wusste er, dass Frankfurt zwei Tage später nicht in Hamburg, sondern zu Hause spielt, noch war er imstande, auch nur ansatzweise sich auf „sein“ Spiel zu konzentrieren. Vielmehr war er gedanklich in Nancy, wo nicht nur Gerald Asamoah mit gebrochenem Bein vom Platz, sondern aus Herrmanns Sicht auch die deutsche Fußballehre zu Grabe getragen wurde. Nicht einmal die Verletzungsunterbrechung wurde dazu genutzt, um „mal schnell zwischendurch“ vom anderen Spiel zu berichten. Minutenlang wurden die Zuschauer genötigt, den sich krümmenden Asamoah und die am Boden liegende deutsche Fußballseele zu bedauern.

Dass Fernsehzuschauer kein Interesse an triefend nationaler und daher zutiefst einseitiger und im wahrsten Sinne des Wortes „ausblendender“ Berichterstattung haben könnten, sondern einfach nur – ganz unpatriotisch – das Spiel „ihrer“ Mannschaft verfolgen wollen, scheint in der Vorstellungswelt moderner Kommentatoren nicht vorzukommen.1988 wurden für die Sendung „Verstehen Sie Spaß“ Fans des VfL Bochum mit einem gefakten Anti-VfL-Fernsehkommentator in den Wahnsinn getrieben. Aus heutiger Sicht erscheint es als unvorstellbar, dass die journalistische Maxime „Sich nicht mit einer Sache gemein machen“, vor Ewigkeiten auch mal in der Sportberichterstattung gegolten haben soll.


Ebenfalls veröffentlicht auf der Website der Zeitschrift Der Tödliche Pass