Um die Frage nach der Qualität des Studiums beantworten zu können, sollte zunächst nach dem Zweck der Universität gefragt werden. Die jährlich wiederkehrenden Debatten über die Qualitätsstandards deutscher Hochschulen drehen sich nicht nur um die Beschaffenheit einzelner Institutionen oder Studiengänge, sondern sind Ausdruck eines generellen Richtungswechsels in der Bildungspolitik.
Heute wird häufig angenommen, Universitäten seien dazu da, einem wachsenden Anteil jeder Generation jenes Fachwissen und -können beizubringen, das es ihnen erlaubt, in allen Bereichen der Gesellschaft höchsten beruflichen Anforderungen zu entsprechen. Hier deckt sich die Erwartungshaltung von Politik und Wirtschaft zu großen Teilen mit den Erwartungen von Studierenden. Und dennoch gehen solche Vorstellungen meilenweit an dem vorbei, was Universitäten seit dem 18. und 19. Jahrhundert leisteten und auch noch heute leisten. Trotz aller Kompromisse, die Universitäten eingehen mussten, verstanden sie sich in der Neuzeit doch immer als Heimstätte geistiger Freiheit und freier Forschung, als Orte des kritischen Fragens, Prüfens, Zweifelns, frei von ökonomischen Zwängen und kurzfristigen Bedürfnissen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes. Erst dieses Selbstverständnis ließ die Universitäten von „Traditionsreproduktionsanstalten“ zu „Brutstätten der Zukunft“ werden. Das Bildungskonzept des „forschenden Lernens“ fungierte hier als Basis der individuellen wie auch gesellschaftlichen Geistesentwicklung und gab der universitären Bildung als Kombination aus Forschung und Lehre ihr unverwechselbares Gesicht.
Die aktuelle Auseinandersetzung über die berufliche Verwertbarkeit von Studiengängen, die Studiendauer und die Wettbewerbsfähigkeit hat sich von dem ursprünglichen Anspruch von Universitäten weit entfernt. An die Stelle der alten elitären Institutionen, die heute gerne auch als abgehobene und entrückte Elfenbeintürme kritisiert werden, sind die sogenannte „Massenuniversitäten“ getreten. Ob die Tatsache, dass ein akademisches Studium nicht mehr ein Privileg einer Minderheit ist, allerdings auch zwangsläufig mit einer stärker nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit eines solchen Studiums verknüpft ist oder sein sollte, lässt sich ebenso trefflich diskutieren wie die Frage, ob die Unabhängigkeit und Entrücktheit der alten Elfenbeintürme für die Entwicklung akademischen Wissens nicht auch Vorteile barg.
In gewisser Weise ist die Auslobung von Elite-Universitäten als Reaktion auf die grundlegenden Umwälzungen im „normalen“ Universitätsbetrieb und die sich hieraus ergebenden Folgen für das Studium zu verstehen. Eine Lösung für die Probleme oder gar eine Klärung der Rolle, die die Hochschule im Allgemeinen künftig spielen soll, liefert die Einführung von Elite-Unis jedoch nicht.
Bei der Schaffung dieser Spitzenuniversitäten geht es nicht darum, das generelle Niveau der deutschen Bildungsproduktion zu verbessern, sondern um die Förderung einer Wissenschaftselite zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Deren Erfolg soll wiederum den Wissens- und Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt voranbringen. Die Frage, die aber kaum gestellt wird, lautet: Was macht eigentlich eine Spitzenuniversität aus? Welcher Rolle soll sie spielen?
Schon hinsichtlich dieser grundlegenden Fragen herrscht große Vielstimmigkeit. Für die einen stehen wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund, um möglichst viele verwertbare Innovationen in Form von Patenten sowie viele gut ausgebildeten Absolventen hervor zu bringen, die der Arbeitsmarkt braucht. Auf der anderen Seite stehen die Argumente, die sich gegen eine solche „Ökonomisierung“ der Bildung wehren. So bekommt man gelegentlich den Eindruck, ihnen ginge es gar nicht um Leistung und Wissensproduktion. Ganz so, als seien Universitäten Sozial- und Erziehungswerkstätten mit dem Ziel, soziale Benachteiligungen und Missstände zu tilgen und die Menschen für ein möglichst solidarisches und konfliktfreies Leben vorzubereiten. Auch diese Ansicht ist bei den Studierenden durchaus vertreten.
Beide Standpunkte haben, so unterschiedlich sie auch sind, eine entscheidende Gemeinsamkeit, die die gesamte Debatte über Bildung, Bildungseinrichtungen und die Förderung von Eliten dominiert: Universitäten werden behandelt wie Wirtschaftsunternehmen und müssen nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkte ihr Lehrangebot entwickeln. Neues Wissen kann aber nur entstehen, wenn in Richtungen geforscht wird, die bislang unbekannt und daher auch unbewertet sind. Daher profitiert die Gesellschaft eben nicht nur von Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Betriebswirtschaftlern, sondern ebenso von Geistes- und Sozialwissenschaftlern, denn sie alle produzieren Wissen, Konzepte, Modelle und Theorien, die für die Gesellschaft relevant sind oder werden können.
Die Schaffung von Elite-Universitäten ohne eine parallele Fortentwicklung der akademischen Bildung an „normalen“ Universitäten und ihrer Freiräume kann das Ziel einer generellen Verbesserung des Bildungsstandortes Deutschland nicht erreichen. Die akademischen Freiräume waren es, die in der Vergangenheit das Wachsen der europäischen Universitäten und insbesondere auch von „Elite-Hochschulen“ erst ermöglichten. Oxford, Cambridge, Harvard oder Stanford fielen nicht als „Elite-Unis“ vom Himmel und wurden auch nicht als solche von Bildungspolitikern am Reißbrett entworfen. Ihre Reputation wuchs über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte und wurde gerade dadurch befördert, dass ihnen – beispielsweise von Stiftungen – Gelder frei und ohne unmittelbaren ökonomischen Verwertungszwang zur Verfügung gestellt wurden und bis heute werden. So hat die Hochschule im amerikanischen Stanford mit seinen 10.000 Studierenden ein Jahresbudget von ca. zwei Milliarden US-Dollar – die Berliner Humboldt-Universität hat mit mehr als dreimal so viele Studierende lediglich ein Jahresbudget von ca. 210 Millionen Euro. Diese Differenz lässt sich auch nicht über die Einführung von Studiengebühren ausgleichen. Denn selbst wenn Hochschulen diese Mittel zur vollständig freien Verfügung haben, so werden sie dennoch der ihnen zugeteilten Organisationsform als marktwirtschaftliche „Unternehmen“ entsprechend agieren. Unabhängigkeit vom markt- und marketingbestimmten Zeitgeist werden sie nicht erlangen. Diese ist auch keine Frage des Geldes allein, sondern in erster Linie der Einsicht geschuldet, dass eine solche Unabhängigkeit überhaupt notwendig und erstrebenswert ist.
Da moderne Universitäten im härter werdenden Hochschulwettbewerb ihr Profil schärfen und Wirtschaftsmittel erschließen müssen, werden sie dies mit großer Wahrscheinlichkeit nicht durch den Ausbau geistes- und sozialwissenschaftlicher Fakultäten tun, sondern ihre Schwerpunkte in anderen Fächern setzen und diese straffer organisieren – eine für den Bildungsstandort Deutschland durchaus bedauerliche Entwicklung.
Studierende sind nicht nur zwischen deutschen Hochschulen hin und her gerissen. Spätestens seit PISA wird diskutiert, das deutsche Bildungssystem sei nicht wettbewerbsfähig. Insbesondere US-amerikanische Hochschulen stehen seit jeher bei deutschen Studierenden hoch im Kurs, die dortigen Elite-Hochschulen sind jedoch ein hochgestecktes Ziel.
Ein Blick auf das Bildungssystem der Vereinigten Staaten räumt jedoch mit mehreren Vorurteilen bezüglich des angeblich schlechten Niveaus deutscher Hochschulen auf. Zwar existieren in den USA Elitehochschulen und elitäre Forschungseinrichtungen mit unbestreitbarer internationaler Reputation, doch sie bestehen in einer Art Paralleluniversum neben der üblichen Hochschulbildung. Nicht selten wundern sich deutsche Austauschstudierende über US-amerikanische Hochschulen, und zwar nicht nur über die Studiengebühren, sondern auch über das niedrige Niveau von Lehrveranstaltungen, den niedrigen Wissenstand von Studierenden sowie über die „Bemutterung“ und die fehlende Selbständigkeit der durchschnittlich jüngeren US-Kommilitonen. Von einem innovativen Bildungsraum mit wissenschaftlichem Tiefgang ist die durchschnittliche amerikanische Hochschule ebenfalls weit entfernt. Nicht anders sieht es an britischen Colleges aus – trotz Cambridge und Oxford. Im britischen Bildungssystem ist in den letzten Jahren eine „Verfachhochschulisierung“ von Universitäten festzustellen, sowohl hinsichtlich der finanziellen Ausstattung als auch der inhaltlichen Ausrichtung von Universitäten: Immer stärker wird hier die Befähigung von Absolventen für den Arbeitsmarkt betont und entsprechend das Studium praxisnah gestaltet. Auch wenn das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich an Boden verliert, das akademische Bildungsangebot an Universitäten und Hochschulen befindet sich weiterhin auf einem hohen Niveau. Für „Bildungsflucht“ aus Deutschland besteht also kein Anlass, wenngleich auch hier die ökonomische Ausrichtung der Universitäten zunimmt. Es gibt zwar gute Gründe, über die akademische Bildung in Deutschland zu klagen, ein Wechsel ins Ausland stellt jedoch nicht zwingend eine Verbesserung dar.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Bedeutung der zahlreichen regelmäßig veröffentlichten „Hochschul-Rankings“ in einem anderen Licht. Ihre Zielsetzung ist löblich: Rankings sollen Studierenden dabei helfen, die richtige Entscheidung in Bezug auf Hochschulstandort und Fächerwahl zu treffen. In der Regel bewerten sie Hochschulen nach Messwerten wie etwa Studierendenzahlen, Studienzeiten, Studienabschlüssen und dem späteren Erfolg der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt. Natürlich sind diese Angaben nicht uninteressant; der praktische Nutzen solcher Rankings für Studierende ist jedoch begrenzt, denn die Parameter dieser Rankings orientieren sich selbst an Richtlinien ökonomischer Verwertbarkeit und suggerieren, aus der Anzahl von Abschlüssen ließen sich Rückschlüsse auf die Lehrqualität schließen. Zudem sind die erhobenen Daten alles andere als selbsterklärend, und ihre Relevanz ist abhängig von der persönlichen Einstellung und Ambition der Studierenden. Nicht zuletzt haben viele gar nicht die Möglichkeit, die Hochschule gemäß den aktuellsten Leistungsbilanzen zu wechseln. Wer es kann, sollte im Vorfeld des Studiums (zwischen Abi und Uni) die Probe aus Exempel machen. Immer mehr Universitäten bieten Abiturienten die Möglichkeit, in sogenannten „Schnupper-Studientagen“ den Uni-Alltag kennen zu lernen. Eine weitere Alternative stellen die sogenannten „Sommeruniversitäten“ dar. Von Sprachkursen bis zu kulturellen und politischen Programmen ist fast alles im Angebot. Dieses „Uni-Testen“ sollte aber nicht aus einer „Konsumentenhaltung“ heraus angegangen werden; es ist für Studierende nicht zuletzt auch ein Test der eigenen Orientierungsfähigkeit.
Gerade in Zeiten großer bildungspolitischer Orientierungslosigkeit, in denen auch die künftige Entwicklung von Universitäten und Bildung im Allgemeinen unklar ist, kommt es für Studierende noch stärker darauf an, sich auf den eigentlichen Sinn akademischer Bildung zu besinnen: Kritisches Hinterfragen, forschendes Lernen sowie die Fähigkeit, eigene Einschätzungen zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen und zu formulieren, gehörten einst zu den zentralen Zielen universitärer Bildung. Dies mag in der öffentlichen Debatte über effizientes Studieren oder über das Für und Wider einzelner Studiengänge in den Hintergrund treten, sollte Studierende aber nicht davon abhalten, ihre eigene und ganz persönliche Entscheidung zu treffen, hierzu gehört auch, dass man sich die Freiheit nimmt, Entscheidungen zu revidieren und Fehler zu machen! Dies betrifft sowohl die Frage der Universitäts- als auch der Studienfachwahl. Eigeninitiative und Mut, Entscheidungen zu treffen, sind hier gefragt.
Wie intensiv sich Studierende an ihrer „Wahl-Uni“ orientieren und das Angebot erforschen, ist weitaus wichtiger als die Frage, ob diese Universität nun zu den Top-Drei-Adressen der Republik gehört oder nicht. Sie sollten sich daher von den erhitzen Diskussionen über die deutsche Bildungsmisere nicht verunsichern oder gar entmutigen oder zum Hochschulwechsel bewegen lassen. Jede Universität in Deutschland bietet die Gelegenheit und den Raum zu akademisch hochwertiger Bildung. Es kommt auf einen selbst an und darauf, wie intensiv man sich mit dem Angebot auseinandersetzt und die Chancen nutzt, egal wo und was man studiert.