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Matthias Heitmann  Klartext

Hitler muss Deutscher bleiben!

Die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion will Adolf Hitler posthum die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen und hat beim Gesetzgebungs- und Beratungsdienst des Landtags ein entsprechendes Gutachten in Auftrag gegeben. Wäre Politik nicht einmal die Sphäre gewesen, in der eigentlich wichtige Entscheidungen getroffen wurden, man könnte sich zweifelsfrei schallendem Gelächter hingeben.

Noch skurriler als der Vorschlag der Braunschweiger Landtagsabgeordenten Isolde Saalmann, mit der diese den „Braunschweiger Komplex“ heilen wollte, ist allerdings die scheinbare Ernsthaftigkeit, mit der ihr Ansinnen abgelehnt wurde. So betonte der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU), dass es für eine „Entdeutschung“ von Toten keine rechtliche Grundlage gebe und es zudem das Grundgesetz nicht zulasse, jemanden, ob leblos oder nicht, „staatenlos zu machen“. Auch Gerd Biegel, Direktor des Braunschweigischen Landesmuseums, erwiderte, eine posthume Aberkennung ändere „nichts an unserer Schuld“. Ein solcher Schritt könne, so Biegel, „bei den jüdischen Gemeinden in Deutschland oder im Ausland falsch ankommen“.


Auf derartig bedeutungsschwangere politische Initiativen passend zu reagieren, scheint ein anspruchsvolles Unterfangen zu sein. Sich staatstragend auf die rechtliche Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens zurückzuziehen, wie die CDU es tut, stellt eine Möglichkeit dar. Man kann auch eine andere Linie einschlagen und herausarbeiten, dass sich Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft „erschlichen“ habe und bereits nach seiner Verurteilung wegen Hochverrats im Jahre 1923 des Landes verwiesen werden hätte müssen und sich mithin seither „illegal“ in Deutschland aufgehalten habe – womit auch gleich ein Seitenhieb auf heutige illegal in Deutschland lebende Ausländer ausgeteilt und eine Lanze für verstärkte Einwanderungskontrollen gebrochen wäre ("Hätte die Weimarer Republik unsere heutige Ausländerpolitik betrieben, wäre Hitler gar nicht ins Land gelassen worden!").

Natürlich regt das Thema viele auch dazu an, altlinke-antifaschistische Reflexe auszuleben: Eine Ausbürgerung Hitlers entspräche dem geläufigen Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte und setze der als solchen bezeichneten „Verdrängung der Schuld“ die Krone auf. Man könnte auch, beseelt von der gefühlten Korruptheit der Nation, die Debatte zum Anlass nehmen, um eine lange Liste von ausbürgerungsreifen Gesellen aufzustellen: Peter Hartz, Helmut Kohl, Jan Ullrich, Lothar Matthäus, Sabine Christiansen, Papst Benedikt, Gerhard Schröder, Murat Kurnaz...


Ich möchte aber eine andere Bewertung der angestrebten Entgermanisierung Hitlers ins Spiel bringen: Ich bin nämlich dagegen: Hitler muss Deutscher bleiben! Warum? Jedenfalls nicht aus antifaschistisch-volkspädagogischer Fürsorge ob der angeblichen Geschichtsbewusstseins-Demenz der Deutschen, sondern eher vor dem Hintergrund der aktuellen Einbürgerungsdebatte. Auch hier wird argumentiert, Deutscher könne nur werden, wer sich zu den Grundwerten unseres Landes bekennt, zumindest aber in der Lage ist, seine abweichende Wertvorstellungen so gut zu kaschieren, dass er beim Einbürgerungs-Fragebogen die richtigen Antworten zu geben imstande ist. Tatsächlich brauchen wir heute aber mehr Menschen gleich welcher Nationalität, die durch den staatlichen "Gutmenschen-Test" fallen. Die moderne Art politisch-korrekter deutscher Gesinnungs-Staatsbürgerschaft ist aber offenbar bereits so weit etabliert, dass sich nun in diesem Sinne ganz besonders Erleuchtete daran machen, die Verquickung von Deutschtum und moralischer Integrität auch rückwärts durchzusetzen. Letztlich ist die Posse um die posthume Ausbürgerung Adolf Hitlers ein Indiz dafür, wie sehr die von ihm postulierte Einheit des deutschen Geistes – wenngleich unter anderen Vorzeichen, aber dennoch – bis heute eingebürgert ist. Wie damals als Reaktion auf seine Einbürgerung könnte Hitler auch auf die aktuelle Debatte entgegnen: „Mir brauchen Sie nicht zu gratulieren, aber Deutschland!“ Na denn: Glückwunsch!


Unterhalten sich zwei Grüne über Hitler. Sagt der eine: „Es war nicht alles schlecht, was der Adolf so gemacht hat.“ Sagt der andere: „Stimmt, aber das mit den Autobahnen war scheiße!“


Mehr zum Thema Einbürgerung unter: "Nichtschwimmer ausbürgern", (Novo81, März 2006)