So oder so ähnlich könnte in Zukunft eine Schlagzeile lauten. Wada ist die Welt Anti-Doping Agentur und somit die Organisation, die festlegt, welche Substanzen als verbotenes Doping eingestuft werden und welche nicht. Die Kriterien, nach denen sie diese Einstufung vornimmt, sind höchst unklar. Da ist die Rede von künstlicher Leistungssteigerung, die den fairen Wettkampf untergräbt. Wäre es da nicht angebracht, die „Verzerrung menschlicher Leistungsfähigkeit“ nicht nur im Sport anzuprangern, sondern das Leben an sich zu einer dopingfreien Zone zu erklären? Schließlich basiert ja unsere gesamte Gesellschaft auf Wettbewerb, nicht zuletzt und gerade auch das Ringen um Karrierechancen ...
Als illegales Doping gelten neben der Eigenbluttherapie auch Medikamente, die sich in nahezu jeder Hausapotheke finden lassen. Das macht die Definition wenig plausibel. Auch das seit 2004 in Deutschland geltende Regelwerk der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), das auf dem Code der WADA basiert, kann den Tatbestand, den zu bekämpfen ihr Auftrag ist, nicht eindeutig definieren. Für sie ist Doping „das Vorliegen eines oder mehrerer der nachfolgend ... festgelegten Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen“. In den nachfolgenden Festlegungen dreht sich alles um als verboten geltende Substanzen und Methoden. Dies besagt nichts anderes, als dass Doping all das sei, was als verboten gelte. Doping wird also über den Umweg einer „Positivliste“ definiert. Somit ist dieser Tatbestand ein sich stetig wandelndes Konstrukt ohne konkrete Gestalt.
Die Unschärfe des Dopingbegriffs scheint jedoch Antidoping-Apostel in ihrem Kreuzzug eher zu beflügeln. Prof. Dr. Werner Franke, seines Zeichens Träger des Bundesverdienstkreuzes für sein Engagement als „Deutschlands Doping-Aufklärer Nr. 1“, fordert im Kampf gegen das Doping drastische Maßnahmen, die die sportliche Ebene verlassen. In seinem „15-Punkte-Rettungskatalog fordert der Träger des Bundesverdienstkreuzes, dem Kampf gegen Doping fundamentale Prinzipien des Grundgesetzes wie auch des internationalen Völkerrechts zu opfern. In dem Buch Der verratene Sport plädiert er für lebenslange Berufsverbote für überführte Athleten sowie für die Wiedereinführung der Kronzeugenregelung für geständige und kooperative, will heißen, zur Denunziation bereite Dopingsünder. Einen weiteren Eckpfeiler von Frankes dopingfreier Welt stellt neben der Rund-um-die-Uhr-Bewachung von Sportlern die Aushöhlung nationaler Souveränität durch die Bildung einer internationalen Dopingpolizei dar, die, mit einer Art Uno-Status versehen, als globale Eingreiftruppe jederzeit und überall dort zuschlagen kann, wo im großen Stile gedopt wird. Drohen uns demnächst neben Masseneinkasernierungen auch globale Antidoping-Interventionen? Folgt man Frankes Logik, lautet die Antwort: Ja! Der Zweck soll ja die Mittel heiligen.
Und da, wer global denkt, ja auch lokal handeln soll, könnte es in Zukunft auch für Studierende spannend werden. Gelten der doppelte Espresso, die böse böse Zigarette vor der Klausur oder das die Prüfungsangst mildernde Glas Bier am Vorabend als Substanzen zur künstlichen Leistungssteigerung? Und ist es moralisch unbedenklich, mithilfe geschliffener Gläser seine Sehkraft so zu stärken, dass man das professorale Gekritzel an der Tafel erkennen kann? Ist es fair, Schmerzmittel gegen Zahnschmerzen einzunehmen und sich so einen Prüfungsvorteil zu verschaffen? Wo ist die Grenze zwischen Erlaubtem und Verwerflichem? Bei moralisch überhitzten Diskussionen wie der über das Dopingverbot wird häufig unser stärkster Muskel, das menschliche Gehirn, lahm gelegt. Dies führt dazu, dass die Frage nach Freiräumen zur individuellen Selbstbestimmung ohne Berücksichtigung des gesunden Menschenverstandes beantwortet werden. Die Folgen dieses Ausradierens rationaler Argumente sind für die Gesellschaft gefährlicher als alle gefährlichen Substanzen zusammen.
Der Knackpunkt in der Debatte ist aber der Mythos von der „natürlichen Leistungsfähigkeit des Menschen“. Das einzige, das wirklich über die menschliche Leistungsfähigkeit gesagt werden kann ist, dass wir sie immer weiter vergrößert haben. Um dies zu erreichen, greifen Menschen zu Hilfsmitteln. Alle Menschen. Ständig und schon immer. Um in ungemütlichen Klimazonen überleben zu können, hüllten sie sich dereinst in Tierfelle. Um ihre Beute zu zerlegen, verwendeten sie Faustkeile. Um sie bekömmlich zu machen, hielten sie sie über das Feuer. Um ihr Leben zu verlängern, nahmen sie Pflanzen zu sich, die ihre Körper gegen Krankheiten schützten. Sie bauten Häuser, um weniger Körperenergie gegen die Kälte zu verbrauchen. Sie gestalteten ihre Nahrung so, dass sie kräftiger und größer wurden. Sie fingen an, Pflanzen künstlich zu erzeugen, da sich dies als vorteilhaft erwies. Sie verwandelten ungenießbare Gräser in Getreide und wilde Bestien in einfach zu erlegende Haustiere.
Was wären die Menschen ohne künstliche Hilfsmittel? Sie wären nicht annähernd so menschlich. Die Verwendung von Hilfsmitteln ist keine künstliche Verzerrung, sondern vielmehr Ausdruck unserer Leistungsfähigkeit. Unser Verstand ermöglicht es uns, die Begrenztheiten unserer Physis zu überwinden. Beständig vergrößern wir unsere Möglichkeiten. Mithilfe von leistungssteigernden Substanzen. Wir sind also alle gedopt. Immer. Und das ist auch gut so, denn beschränkte man sich auf die „natürliche Leistungsfähigkeit“, befänden sich Studierende mit Mitte 20 bereits kurz vor dem Alter, das dem Homo sapiens als natürliche Obergrenze auferlegt wurde. Der Abschluss wäre mithin für die Katz'.
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift YourCampus.TV 1/08, 12.4.08